Modul 3: Umgang mit Ausagieren

In diesem Modul lernst du:

  • wie du Ausagieren erkennst – während des Mitteilens und im Gruppenkontext
  • warum ausagierendes Verhalten oft ein unbewusster Widerstand ist
  • wie du ruhig und klar reagierst, ohne den Prozess zu stören

Beim Ehrlichen Mitteilen geht es darum, das, was gerade in uns auftaucht, möglichst direkt in den Kontakt zu bringen. Die meisten von uns haben jedoch nicht von klein auf gelernt, innere Spannungen oder Widerstand offen mitzuteilen. Wird etwas nicht mitgeteilt, sucht es sich oft einen Umweg – es wird ausagiert.

Ausagieren ist kein böser Wille, sondern ein unbewusster Ersatz für echtes Mitteilen. Als Gruppenleiter ist es wichtig, mit solchen Mustern souverän umzugehen, ohne den Rahmen zu verlieren oder den Prozess zu stören.

1. Ausagieren während des Mitteilens

Typische Beispiele hierfür sind:

  • Ständiges Nesteln mit den Händen, Gestikulieren, Tappen mit den Füßen
  • Schultern hochziehen, Augen zusammenkneifen
  • Seufzen oder Ächzen, ständige Füllwörter („äh“, „mmh“), Räuspern
  • Sehr leises oder lautes, theatralisches Sprechen
  • Ständige hilfesuchende Blicke zur Gruppenleitung

Schenke solchen Verhaltensweisen bei Anfängern am besten erst einmal nicht viel Beachtung. Viele Muster lösen sich nach einigen Treffen von allein auf. Wenn sich über Wochen nichts daran ändert, sprich den Teilnehmer behutsam und wertschätzend an, z.B. so: „Magst du einmal ausprobieren, die Hände ruhig zu halten und zu schauen, was dann passiert?“ Oft wird das Mitteilen danach spürbar klarer.

2. Ausagieren um das EM herum

Manche Teilnehmer haben starke Widerstände gegen den EM-Prozess selbst, die sie noch nicht direkt beim EM ausdrücken können. Stattdessen zeigen diese sich in unbewussten Verhaltensweisen, die den Ablauf des Gruppentreffens behindern können:

Typische Beispiele hierfür sind:

  • Wiederholt zu spät kommen
  • Handy klingelt in der Runde
  • Vor dem EM lange, komplexe Fragen zu EM-Details stellen → EM-Runde verzögern

Auch hier gilt: Das ist meist kein böser Wille, sondern ein typisches Abwehrverhalten. Je klarer und ruhiger du den Rahmen hältst, desto eher beginnen die Teilnehmer, ihren Widerstand ins eigentliche Mitteilen zu bringen, statt ihn auszuagieren.

"Problemgespräche" in der Gruppe vermeiden

Manche Gruppenleiter haben die Idee, wenn Teilnehmer stark ausagieren, z.B. durch wiederholtes Zuspätkommen oder andere störende Verhaltensweisen, dann müsste ausführlich besprochen und erklärt werden, warum dieses Verhalten nicht in Ordnung ist. 

Manche Gruppenleiter schicken lange Erklärungen in der Telegram-Gruppe herum, verlinken Videos von Gopal oder reservieren die erste Viertelstunde des EM-Treffens, um darüber zu sprechen, was Ausagieren ist. Vielleicht fordern sie ihre Teilnehmer sogar auf, ihre Motivation für das Zuspätkommen zu erforschen und zu erklären. Hier landet man schnell in der „Metaebenen-Falle“: Man spricht auf der Metaebene ÜBER das EM, statt es zu praktizieren. 

Wichtig: Als Gruppenleiter gibst du den Rahmen deiner Gruppe vor. Wenn du Pünktlichkeit erwartest – was sehr sinnvoll ist  fordere sie auch ein. Kommt ein Teilnehmer wiederholt zu spät, suche das Vier-Augen-Gespräch mit ihm und mache ihm deutlich, dass dieses Verhalten für dich nicht geht und zu einem Gruppenausschluss führt, wenn es sich nicht ändert. 

Deine Gruppenregeln brauchen nicht begründet, verhandelt oder ausdiskutiert zu werden. Es ist auch nicht deine Verantwortung, herauszufinden, warum jemand ausagiert oder ihn dazu zu bewegen, in die Selbstreflexion zu gehen. Du hast keine therapeutische Aufgabe. 

Alle Gefühle und Gedanken rund um das Ausagieren können beim EM mitgeteilt werden. Das ist auch bei Level 1 problemlos möglich, z.B. so: „Ich fühle Wut. Mein Kopf denkt, dass ich mich über das Zuspätkommen in der Gruppe ärgere“. Oder: „Ich fühle Wut. Mein Kopf denkt, dass es mir schwerfällt, pünktlich zu kommen.“

Wenn du als Gruppenleiter Ausagieren freundlich, aber konsequent unterbindest und auf der Einhaltung deiner Gruppenregeln bestehst, gibt es die Chance, dass die betreffenden Teilnehmer anfangen, vom Ausagieren ins Mitteilen zu kommen. Ob ihnen das gelingt, liegt aber nicht in deiner Hand. Es kann auch vorkommen, dass jemand die Gruppe verlässt, wenn ihm die Möglichkeit zum Ausagieren genommen wird. Dann entsteht Platz für neue Teilnehmer, die mehr Kapazitäten zum Mitteilen haben.