Modul 1: Was sind Gefahrenprojektionen?

Die Kindheit prägt unser Erleben

Gopal hat in seiner therapeutischen Arbeit das Konzept der Gefahrenprojektionen entwickelt: Menschen, die in der Kindheit Bindungs- und Entwicklungstrauma erlebt haben, gehen meistens mit ständigen unterschwelligen Befürchtungen durch die Welt, dass vom Gegenüber etwas drohen könnte.  

In der Kindheit waren diese Befürchtungen angemessen. Zum Beispiel reagierten die Bezugspersonen vielleicht überfordert auf die gesunde Wut des Kindes und wendeten sich von ihm ab, wenn es wütend wurde. Um die Bindung bestmöglich aufrechtzuerhalten, blieb dem Kind damals kaum eine andere Wahl, als seine Wut zu unterdrücken, um der realen Gefahr des Verlassenwerdens zu begegnen.

Als Erwachsener läuft diese Befürchtung unbemerkt weiter: Man befürchtet ständig, verlassen, angegriffen, ignoriert oder manipuliert zu werden, auch wenn die Menschen, mit denen man es heute zu tun hat, das gar nicht vorhaben.  

Reinszenierungsschleifen: Ein Problem lösen, das nicht mehr existiert

Im Erwachsenenalter ist die Abhängigkeit, in der sich das kleine Kind befand, vorbei. Als Erwachsene können wir uns aus unguten Beziehungsdynamiken lösen und uns Menschen suchen, die an gemeinsamer Heilung und Beziehungsvertiefung interessiert sind. Selbst wenn es zu Konflikten oder Trennungen kommt, ist das als Erwachsener zwar belastend, aber nicht mehr existentiell bedrohlich.

Dennoch laufen die Strategien aus der Kindheit meist unbewusst weiter: Die „erlernte Gefahr“ wird auf so gut wie jeden Menschen projiziert, dem wir begegnen – auch wenn dieser sich ganz anders verhält als die Bezugspersonen von damals.

Die Crux an der Gefahrenprojektion: Wer als Erwachsener z.B. ständig damit rechnet, verlassen zu werden und seine Wut unterdrückt, damit der andere bleibt, führt unbewusst oft genau die Trennung herbei, die er fürchtet. Man versucht also, ein Problem zu lösen, das gar nicht mehr existiert, und erschafft es so immer wieder neu –man steckt in Reinszenierungsschleifen fest.

Wichtige Unterscheidung: Projektion vs. reale toxische Dynamik

Natürlich ist nicht jede Befürchtung in Bezug auf andere Menschen bloße Projektion.  Wenn du erlebst, dass jemand sich dir gegenüber wiederholt respektlos, übergriffig und toxisch verhält, geht es nicht darum, deine Projektionen aufzulösen, sondern dich zu schützen und Abstand herzustellen.

Toxische Verhaltensweisen sind z.B.:

  • Angreifen: jemand schreit dich an, beleidigt dich, setzt dich herab oder wird sogar körperlich gewalttätig
  • Verlassen: jemand lässt wiederholt Verabredungen platzen, sagt wiederholt erst in letzter Minute oder gar nicht ab, reagiert tage- oder wochenlang nicht auf Kontaktversuche von dir
  • Ignorieren: jemand ignoriert dich wiederholt, straft dich mit Schweigen, betäubt sich mit Substanzen oder klinkt sich immer wieder durch Unterhaltungsmedien oder Arbeit aus dem Kontakt mit dir aus
  • Manipulieren: jemand wendet offensichtliche Manipulationstaktiken an (ständige Opferdramen, Nähe-Distanz-Spiele, Gaslighting, Eifersüchtigmachen, Entwerten etc.)
 

Wenn du dir nicht sicher bist, ob du in einer toxischen Beziehungsdynamik steckst oder es sich nur um Projektionen und übertriebene Ansprüche deinerseits handelt , hole dir am besten Hilfe von einem Therapeuten oder einer Therapeutin, der oder die Erfahrung mit den Themen Narzissmus, Borderline und emotional missbräuchlichen Beziehungsdynamiken hat.

Häufig kann auch beides der Fall sein: Projektionen und tatsächliche problematische Verhaltensweisen verstärken sich gegenseitig. Auch hier hilft therapeutische Unterstützung oft weiter.