EM Einführungskurs – Ehrliches Mitteilen nach Gopal Norbert Klein
21. November 2025
Anna Lisa Corrinth
Stell dir vor, dein Mitbewohner hat den Müll mal wieder nicht rausgebracht. Wie reagierst du? Welche Kommunikationsmethode könnte die Situation entschärfen?
Viele Menschen haben schon einmal von der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg gehört. In den letzten Jahren macht eine andere Kommunikationsmethode immer mehr von sich reden – das Ehrliches Mitteilen nach Gopal Norbert Klein.
Zwei Methoden, in denen es darum geht, Beziehungen zu vertiefen, Missverständnisse zu reduzieren und echte Verbindung zu erleben. Klingt ähnlich? Nur auf den ersten Blick.
Denn obwohl beide Ansätze eine achtsame Art des Sprechens fördern, sind sie vom Ablauf und von ihrer Grundidee doch sehr verschieden. Während die GfK klar strukturiert auf Lösungen hinarbeitet, taucht das Ehrliche Mitteilen radikal in das ein, was jetzt da ist – ganz ohne Ziel und ohne den Anspruch, etwas zu klären.
Um gut vergleichen zu können, lohnt sich ein genauerer Blick auf beide Methoden.
Die Gewaltfreie Kommunikation (GfK) nach Rosenberg ist eine Methode zur Lösung von Konflikten. Eine typische GfK-Mitteilung besteht aus vier Schritten:
Neutrale Beschreibung: „Du hast gestern den Müll nicht runtergebracht wie vereinbart.“
Eigenes Gefühl: „Ich fühle Ärger,…“
Bedürfnis: „…weil ich ein Bedürfnis nach Respekt habe.“
Konkrete Bitte: „Ich möchte dich bitten, das so bald wie möglich nachzuholen.“
Die GfK ist für den Dialog gedacht. Der Angesprochene reagiert auf die Bitte und bringt seinerseits Gefühle, Bedürfnisse oder Hintergründe ein, etwa so: „Ja, das stimmt. Ich habe vergessen, den Müll runterzubringen, weil ich morgen die Deadline von meinem Projekt habe. Ich erledige es, sobald das Projekt eingereicht ist, okay?“
Die GfK strukturiert also ein lösungsorientiertes Gespräch und fördert dabei Verständnis, Empathie und Kooperation.
Das Ehrliche Mitteilen nach Gopal Norbert Klein hat dagegen keine Dialogform. Es ist eine gemeinsame Bewusstheits- und Präsenz-Praxis – vergleichbar mit einer gesprochenen Achtsamkeitsübung. Üblich sind fünf bis zehn Minuten Mitteilungszeit pro Person, meist ein- bis zweimal pro Woche, vorzugsweise mit einem festen Partner oder in einer Gruppe.
Anders als bei der GfK gibt es beim EM keine feste Abfolge von Schritten. Jeder teilt für die vereinbarte Zeit spontan mit, was im gegenwärtigen Moment in ihm auftaucht. Dabei werden drei Satzanfänge verwendet, um die verschiedenen Ebenen der Wahrnehmung zu unterscheiden:
Körperempfindung: „Ich spüre Entspannung in den Beinen.“
Gefühl: „Ich fühle Freude.“
Gedanke: „Mein Kopf denkt, dass ich gern hier bin.“
Als EM-Anfänger spricht man außerdem nur über sich selbst. „Du“-Formulierungen werden bei der Grundform des Ehrlichen Mitteilens, genannt Level 1, bewusst weggelassen.
Nehmen wir an, du und dein Mitbewohner seid einmal wöchentlich zum EM verabredet. Ausgerechnet heute hat er den Müll nicht heruntergebracht. Würde das auch beim EM Thema werden?
Die Antwort ist ja – aber nur in dem Maß, wie das Thema spontan bei deinem Mitteilen auftaucht. Erfahrungsgemäß würde es nur einen kleinen Teil deiner Mitteilungen einnehmen, z.B. so:
Körperempfindung: „Ich spüre Anspannung im Brustkorb.“
Gefühl: „Ich fühle Ärger.“
Gedanke: „Mein Kopf denkt, dass der Müll in der Küche immer noch nicht geleert ist. Mein Kopf denkt, dass das bei mir Wut auslöst.“
Ist anschließend dein Mitbewohner dran, teilt auch er mit, was bei ihm spontan auftaucht. Er ist nicht verpflichtet, auf das von dir Gesagte einzugehen. EM ist ausdrücklich nicht als Dialog gedacht.
Bei der GfK geht es darum, Konflikte zu deeskalieren und zu gemeinsamen Lösungen zu finden. Die vier Schritte helfen, verletzende Muster zu vermeiden – wie Vorwürfe („Nie bringst du den Müll runter.“), Du-Botschaften („Auf dich ist kein Verlass.“) oder unklare Forderungen („Erledige doch bitte selbstständig deinen Anteil an der Hausarbeit“).
Durch die Struktur entsteht ein Raum, in dem sich beide gesehen fühlen und praktische Vereinbarungen möglich werden.
Beim EM geht es dagegen nicht um konkrete Problemlösungen, sondern darum, durch die regelmäßige gemeinsame Praxis eine vertiefte Verbindung zu erleben. So kann das Zusammenleben im Lauf der Zeit ganz von selbst harmonischer werden.
Das EM geht davon aus, dass viele Konflikte aufgrund von unbewussten, nie ausgesprochenen Gefühlen entstehen. Statt Wut direkt mitzuteilen, wird sie oft passiv aggressiv ausagiert – zum Beispiel, indem jemand „vergisst“, den Müll runterzubringen.
Daher, so die Denkweise des Ehrlichen Mitteilens, wäre es nur ein Herumdoktern auf der Symptomebene, darüber zu sprechen, wer wann den Müll runterbringt und warum das noch nicht geschehen ist.
Stattdessen geht es beim EM um ein möglichst vollständiges Mitteilen aller Gefühle, die in der Beziehung tatsächlich eine Rolle spielen, von Wut über Einsamkeit und Traurigkeit bis Ohnmacht. Wenn diese oft tabuisierten Emotionen ihren Platz im Kontakt finden, fällt die Notwendigkeit weg, sie indirekt auszuleben.
Das Ehrliche Mitteilen verzichtet bewusst auf ein konkretes Ergebnis. Es ist eine Praxis, die über einen längeren Zeitraum ihre Wirkung entfaltet. Die entstehende Verbindung führt dazu, dass Konflikte seltener werden – nicht, weil sie gelöst wurden, sondern weil die Beziehung sich vertieft.
Während die Gewaltfreie Kommunikation strukturiert und lösungsorientiert vorgeht, öffnet das Ehrliche Mitteilen einen Raum, in dem nichts gelöst werden muss und wo sich dennoch – oder gerade deshalb – etwas verändern kann.
Das bedeutet nicht, dass lösungsorientierte Klärungsgespräche nie wieder nötig sind. Manchmal muss man Missverständnisse ausräumen oder konkrete Absprachen treffen, am besten mit zeitlichem Abstand zum EM-Ritual. Doch durch die vertiefte Verbundenheit werden diese im Lauf der Monate und Jahre von selbst immer leichter und unkomplizierter.
Ja, auf jeden Fall. Das Ehrliche Mitteilen setzt voraus, dass zwei Menschen, die sich miteinander wohl und sicher fühlen, in einen vertieften Austausch gehen wollen. Beide müssen bereit sein, den Ablauf des EM-Rituals zu befolgen, sich an die Satzanfänge zu halten und regelmäßig miteinander zu praktizieren.
Mit den meisten Menschen, denen man im Alltag begegnet, praktiziert man kein EM. Daher kann eine deeskalierende Gesprächsführung im Sinne der GfK oft hilfreich sein. Das gilt umso mehr bei Menschen, mit denen es vielleicht Spannungen gibt: Arbeitskollegen, Verwandte oder Nachbarn.
Wer mit der Gewaltfreien Kommunikation vertraut ist, hat hier ein wertvolles Werkzeug an der Hand. Gerade die neutrale Verhaltensbeschreibung („Du hast gestern den Müll nicht runtergebracht“ statt „Nie machst du was im Haushalt“) wirkt oft Wunder, weil der andere sich nicht getriggert fühlt. Ein weiterer Vorteil ist: Das Gegenüber braucht nichts von der GfK zu wissen, damit sie ihre deeskalierende Wirkung entfaltet.
Miteinander verbunden zu sein und im Alltag klar zu bleiben – darin können sich EM und GfK wunderbar ergänzen.
Wenn du jedoch tiefe persönliche Transformationsprozesse erleben möchtest, bist du beim EM besser aufgehoben. Wer den EM-Weg konsequent weitergeht, sorgt nicht nur für harmonische Beziehungen, er kann auch ein tiefes Ankommen bei sich und in der Welt erfahren.
Neugierig auf das EM geworden? In meinem kostenlosen Einführungskurs erkläre ich die Regeln Schritt für Schritt – schau gern rein und probiere es selbst aus.